Bilder in der Mode
Wir erinnern uns noch gut daran, wie wir als Kinder in Einkaufsstrassen vor Schaufenstern stehen geblieben sind, staunend auf Plakate gezeigt und ausgerufen haben: «Wow, schau wie schön die Frau ist!» «Das ist nicht echt», haben uns die Erwachsenen geantwortet und wir sind enttäuscht und ratlos weitergezogen. Später wurde in zahllosen Artikeln über Schauspieler*innen, Sängerinnen und Models aufgezählt, welche Körperteile operiert waren und welche Diäten und Schönheitsbehandlungen gerade zu den besten Ergebnissen führten. In solchen Auflistungen spielen diskriminierende Mechanismen eine grosse Rolle. Was uns hier aber interessiert, ist das vorhandene Wissen um die Methoden der Schönheitsindustrie und was wir mit diesem Wissen machen.
Zum Beispiel wissen wir, dass die Models, die uns von Plakaten oder Werbefilmen entgegenschauen, überdurchschnittlich gross und schlank sind. Wir wissen vom exzessiven Zurecht-Klammern von Kleidung an Fotoshoots, über das Hinzufügen oder Entfernen von Stoff, Gegenständen oder ganzen Hintergrundszenen bei der Bildbearbeitung. Wir wissen, dass Menschen auf Social Media Filter benutzen und dass sich immer mehr Menschen Schönheitseingriffen unterziehen. Wir wissen um alles sorgfältig Drapierte und Inszenierte in der Werbung und im Laden, das uns zum Kaufen verleiten soll. Und nicht zuletzt wissen wir von den technologischen Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz.
Eine einseitige visuelle Ernährung verändert unsere Wahrnehmung.
Dieses Wissen allein reicht aber nicht aus, um uns gegen die möglichen Auswirkungen dieses «alles wird dem schönen Schein untergeordnet» zu schützen. Denn selbst wenn wir alle technischen Möglichkeiten befürworten würden, wir vielleicht sogar einen künstlerischen Wert im Künstlichen sehen könnten, verändert was wir ständig zu sehen bekommen unseren Blick auf die Welt und auf uns selbst.
Die Philosophin Lisa Schmalzried spricht von einer veränderten visuellen Ernährung: Die Gesichter und Körper von Menschen, die wir täglich sehen, formen unsere Vorstellung des Durchschnittskörpers oder eben des Durchschnittsgesichts. Werden uns in den Medien ständig überdurchschnittlich gutaussehende, durchgestylte Menschen gezeigt, verfallen wir laut Schmalzried dem Irrglauben, gutes Aussehen sei weit verbreitet und bilden aus diesen Körpern und Gesichtern fortan den neuen Durchschnitt. Darunter fallen auch künstlich, also von KI generierte Bilder, was letztlich bedeutet, dass wir uns nicht mehr nur mit echten Menschen vergleichen, sondern mit Idealen, die so gar nicht vorkommen.
Die Folgen sind weitreichend. Vergleicht man sich mit idealisierten Bildern wächst die eigene Unzufriedenheit, der Leidensdruck nimmt zu, psychische Erkrankungen können entstehen. Besonders Frauen sind davon betroffen. Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner spricht gar von Selbsthass und einem verzerrten Selbstbild bei vielen Frauen, die den Körper nicht mehr als Medium fürs Spüren und Erleben wahrnehmen, sondern nur noch Problemzonen sehen.
Wir sollten unsere Vorstellung von Schönheit ausweiten statt sie auf immer weniger Optionen zu beschränken.
Um dem entgegenzuwirken, müssen wir wieder Vielfalt in unsere visuelle Ernährung bringen: Die Vielfalt der Menschen in der analogen Welt wahrnehmen, nicht nur Profilen mit bearbeiteten, idealisierten Bildern folgen; uns beim Betrachten von Fotos und Videos daran erinnern, dass das, was wir sehen, nur eine kontrollierte Momentaufnahmen ist; nicht nur Modemarken verfolgen, die makellose, stark inszenierte Bilder mit sehr schlanken Personen zeigen; KI generierte Bilder besonders kritisch betrachten und auf Vielfalt nicht mit Irritation oder Ablehnung reagieren. Das erfordert Anstrengung und Übung, besonders auch deshalb, weil wir es gewohnt sind, alles, was nicht den Hochglanzbildern entspricht, die wir überall und ständig zu sehen bekommen, zu übersehen oder als ästhetisch nicht ansprechend abzutun.
Die Fragen «Macht das Sinn?» und «Was hat das mit meinem Leben zu tun?» helfen uns beim Betrachten von Bildern eine gute Distanz einzunehmen. Sie sind es auch, die uns bei der Erstellung und der Auswahl der Bilder für linalupa anleiten. Denn was nützt uns ein Bild, auf dem wir die Beschaffenheit des Kleidungsstücks nicht erkennen können? Warum sollten wir uns an einem Styling orientieren, das wir selbst nicht jeden Morgen hinkriegen können? Warum sollten wir Locations bewundern, die uns vielleicht nicht einmal in den Ferien zugänglich sind? Freude an Schönem ist nicht verwerflich – im Gegenteil. Schönes kann uns inspirieren, uns trösten und unser Wohlbefinden steigern. Nur sollten wir das, was als schön gilt, ausweiten statt es auf immer weniger Optionen zu beschränken. Mit unseren linalupa-Bildern möchten wir einen Beitrag dazu leisten.
Weiterführende Informationen
Es gibt zahlreiche Bücher, Artikel, Podcast und Sendungen, die sich mit der Schönheitsindustrie befassen. Auch SRF hat diverse Beiträge zum Thema Schönheit gemacht, zum Beispiel die Einstein-Sendung «Botox, Filter und KI: Schönheit im digitalen Zeitalter» aus dem Jahr 2025, verfügbar in der SRF-Mediathek bis im Februar 2027.